aus dem Bereich Theologie:
Prof. Dr. Michael Rosenberger
Mensch und Tier in einem Boot -
Eckpunkte einer modernen theologischen Tierethik
Achtung und Empathie
Noch bevor aber diese Frage gestellt wird, was Gerechtigkeit gegenüber Tieren bedeutet,
sollen zwei Grundhaltungen entfaltet werden, die wir Menschen allen Subjekten gegenüber schulden,
deren Würde wir anerkennen: Achtung, theologisch meist Ehrfurcht genannt, und Einfühlung oder Empathie,
theologisch oft als Barmherzigkeit bezeichnet.
Ehrfurcht zählt zu den Grundhaltungen jeder Religion.
Sie umfasst ein Mehrfaches:
1. Ehrfurcht bedeutet zuallererst ein Staunen.
Der spirituelle Mensch entdeckt in jedem Geschöpf
die Spuren des Schöpfers. Das Geschöpf ist für ihn ein Wunder, das stets neue Entdeckungen ermöglicht
und dessen Vielfalt der Mensch doch nie restlos erfassen kann. Der Mensch steht, wenn er ein
Geschöpf betrachtet, vor einem großen Geheimnis. Er muss erkennen, dass ihm die letzten des
Lebens und des Daseins verborgen bleiben, dass aller naturwissenschaftliche Fortschritt die
letzte Frage nach dem Warum auch nicht ansatzweise zu erhellen mag.
2. Ehrfurcht umfasst auch ein Zurücktreten:
Wenn der Mensch darum weiß, dass die Schöpfung nicht sein Besitz ist,
wird er sich selbst und seine eigenen Interessen zurücknehmen. Wenn er die Würde der Geschöpfe wahrnimmt,
wird er ihnen so viel Freiheit wie möglich belassen, damit sie sich selbst nach ihren Bedürfnissen
und Möglichkeiten entfalten können. Er wird sich nicht als den Nabel der Welt betrachten, sondern
als ein kleiner Teil dieser Schöpfung, eingebunden in ihre Abläufe und Regelkreise.
3. Ehrfurcht schließt weiterhin die Verantwortung im Umgang ein:
Mit geliehenen Dingen gehen wir besonders
sorgfältig um. Wenn die Schöpfung als Leihgabe Gottes verstanden werden muss und der Mensch der
Haushalter Gottes ist, dann ist besondere Sorgfalt gefordert. Es gilt, den menschlichen Umgang mit
der Schöpfung zu rechtfertigen.
Einfühlung ist ebenfalls eine grundlegende religiöse Haltung.
Das biblische Wort ist Barmherzigkeit,
hebräisch „rachamijm“ . Es bezeichnet die Eingeweide, den Bauch oder auch die Gebärmutter der Frau.
Barmherzig ist derjenige, der sich das Leiden Anderer „an die Nieren“ gehen lässt, dem es „Bauchweh
bereitet“ und die „Eingeweide“ zusammenzieht. Solche Barmherzigkeit oder Empathie ist eine zentrale
Voraussetzung dafür, dass wir mit den Tieren als Mitgeschöpfe gut umgehen. Sie umfasst ein möglich
gutes Wissen von den Verhaltensweisen und Bedürfnissen des Tieres, ist aber weit mehr als nur die
Kenntnis der naturwissenschaftlichen Fakten. Denn Einfühlung lässt immer auch spüren, wie sich die
Einfühlenden selber an der Stelle dessen fühlen würden, in den er sich gerade hineinversetzt.
Einfühlung ermöglicht es erst, eine wirkliche Beziehung zu anderen Geschöpfen aufzubauen, mit ihnen
zu kommunizieren und sie angemessen zu behandeln.
Denken, Fühlen und Handeln finden in ihr zu einer Einheit.
(Quelle: Gefährten Konkurrenten Verwandte – Die Mensch-Tier-Beziehung im wissenschaftlichen Diskurs,
Carola Otterstedt/Michael Rosenberger, S.379)